Anosmie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 14. September 2017
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Patienten, die unter einer Anosmie leiden, haben die Fähigkeit zur Geruchswahrnehmung vollständig verloren. Keiner der mehr als 10000 bekannten möglichen Variationen an Gerüchen kann mehr wahrgenommen werden. Die unterschiedlichen Formen der Anosmie gelten als nicht seltenes Krankheitsbild.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Anosmie?

Sämtliche Gerüche werden im Gehirn wahrgenommen und verarbeitet, dies geschieht über die sogenannten Riechzellen des Nasendaches. Von dort aus werden die Informationen als Nervenimpuls über die Riechnerven zur Großhirnrinde weitergeleitet. Dieser physiologische Prozess ist bei der Anosmie entweder gestört oder kann überhaupt nicht mehr stattfinden. Wie die genaue Umwandlung der Geruchsinformation in eine Geruchswahrnehmung im Gehirn geschieht, ist bis heute nicht endgültig geklärt.

Der Gehirnteil für die Wahrnehmung von Gerüchen ist unter anderem auch zuständig für die Verarbeitung von Emotionen. Im Alltag ergeben sich durch die fehlende Geruchswahrnehmung für die Betroffenen vielfältige Einschränkungen, verbunden mit einer deutlich herabgesetzten Lebensqualität. Da der Geruchssinn zudem eng an den Geschmackssinn gekoppelt ist, ergeben sich auch daraus Probleme. Wird beispielsweise ein Stück Schokolade in den Mund genommen, so können die Betroffenen lediglich die Süße herausschmecken, nicht aber die feinen Nuancen des Schokoladenaromas.

Weltweit, so die Schätzungen der WHO, erkranken jährlich mehrere zehntausend Menschen neu an Anosmie. Je nach der Ursache kann es sich bei der Anosmie um eine vorübergehende Störung oder aber um eine dauerhafte, lebenslange Einschränkung handeln. Nach den Vorschriften des Sozialgesetzbuches können die Betroffenen ab einem gewissen Grad einer Anosmie einen Grad der Behinderung ärztlich feststellen lassen.

Ursachen

Die Gründe für das Auftreten einer Anosmie können sehr unterschiedlich sein. Bei der totalen Anosmie ist die Funktion der Riechnerven vollständig ausgefallen. Es können dann überhaupt keine Gerüche mehr wahrgenommen werden. Besteht eine selektive Anosmie, dann können die Betroffenen nur bestimmte Gerüche nicht mehr wahrnehmen. Dieses Krankheitsbild wird von den zumeist älteren Patienten lange Zeit gar nicht bemerkt. Außerdem muss zwischen einer peripheren und zentralen Anosmie unterschieden werden, abhängig von Ort und Ausmaß einer Nervenschädigung:

  • Sind nur die Riechzellen beschädigt, handelt es sich um eine periphere Anosmie.
  • Können die Geruchswahrnehmungen im Gehirn nicht verarbeitet werden, sprechen Mediziner aufgrund der Gehirnschädigung von einer zentralen Anosmie.

Hauptursache aller Arten von Anosmien ist eine Degeneration von Nerven- oder Gehirnzellen durch zunehmendes Alter. Besonders nach dem 60.Lebensjahr lässt das Riechvermögen bei beiden Geschlechtern signifikant nach. Es handelt sich hierbei aber um einen jahrelangen, eher schleichenden Prozess. Ganz sicher führen auch inhalatives Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum zu einer starken Beeinträchtigung des Riechvermögens. Die dadurch verursachten Nervenschädigungen sind bis zu einem gewissen Grad jedoch voll reversibel.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Besonders bei den abgeschwächten peripheren Verlaufsformen von Einschränkungen des Riechvermögens durch Nervendegeneration werden die Veränderungen lange Zeit gar nicht bemerkt. Bei einer zentralen Anosmie können die Beschwerden schneller auftreten, wenn beispielsweise ein Tumorwachstum die Ursache ist.

Besteht eine Behinderung der Nasenatmung, so ist die Fähigkeit zur Geruchswahrnehmung ebenfalls eingeschränkt. Denn die Gasteilchen, welche den Geruch vermitteln, gelangen dann nur zum Teil bis an die Riechzellen. Bei einer Riechzellenschädigung klagen die Patienten über ein Fehlriechen, auch bekannt als Geruchstäuschung sowie ein beidseitiges Nachlassen des Riechvermögens.

Dieser Prozess wird von den Betroffenen als sehr unangenehm empfunden. Da die Geschmackswahrnehmung bei Anosmie stets mit betroffen ist, klagen die Betroffenen oft auch über Appetitlosigkeit oder depressive Verstimmungen. Auch der eigene Körpergeruch kann nicht mehr wahrgenommen werden, was unter Umständen auch zu sozialen Einschränkungen führen kann.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die Verdachtsdiagnose stellt der Hausarzt, die endgültige Diagnose der HNO-Arzt. Zur Diagnosestellung wird die komplette Nasenschleimhaut mittels eines Rhinoskops untersucht. Es handelt sich dabei um ein flexibles Nasenendoskop mit zusätzlicher Lichtquelle, damit kann der Arzt die Beschaffenheit der Nasenschleimhaut gut beurteilen.

Außerdem muss zur Diagnosesicherung der Geruchssinn eingehend überprüft werden. Dies geschieht subjektiv durch die Präsentation verschiedener Duftstoffe und objektiv durch die Methode der sogenannten elektronischen Reaktionsolfaktometrie. Bei Verdacht auf zentrale Anosmie kommen zusätzlich bildgebende Verfahren wie CT oder MRT zum Einsatz.

Komplikationen

Eine angeborene Anosmie hat zumeist keine Komplikationen zur Folge. Eine plötzlich auftretende Anosmie ist dagegen oft mit verschiedenen Problemen verbunden. Zunächst hat ein plötzliches Fehlen des Geruchssinns einen Verlust an Lebensqualität zur Folge. Die psychischen Folgen reichen von Depressionen und Angststörungen über die Angst vor unangenehmen Eigengeruch bis hin zu schweren Verhaltensstörungen.

Langfristig reduziert eine Anosmie das allgemeine Wohlbefinden; die frühere Lebensqualität wird bei einer plötzlichen Erkrankung meist nicht mehr erreicht. Körperlich kann eine Anosmie schnell zu Mangelernährung und in der Folge zu Mangelerscheinungen und weiteren Beschwerden führen. Oft werden Speisen von den Betroffenen versalzen oder überwürzt, um das Geschmackserlebnis zu verstärken.

Dadurch kann es zu Schädigungen der Geschmacksnerven, aber auch zu diversen gesundheitlichen Problemen kommen. Durch das Fehlen des Geruchssinns besteht außerdem die Gefahr, dass giftige oder verdorbene Lebensmittel verzehrt werden, was etwa eine Lebensmittelvergiftung zur Folge haben kann.

Lebensgefahr besteht, wenn austretende Gase oder Brände aufgrund der Anosmie nicht wahrgenommen werden können. Überdies kann das Fehlen des Geruchssinns in Alltag und Beruf zu Problemen führen, die oftmals starken psychischen und emotionalen Stress auslösen. Eine plötzlich auftretenden Anosmie muss deshalb immer von einem Arzt abgeklärt werden.

Ab wann sollte man zum Arzt gehen?

Bei dem Verdacht auf eine Anosmie sollte zeitnah mit dem Hausarzt gesprochen werden. Oft liegt einem eingeschränkten Riechvermögen eine harmlose Ursache zugrunde, die rasch diagnostiziert und behandelt werden kann. Handelt es sich allerdings um eine Anosmie, ist eine schnelle Diagnose erforderlich, da womöglich ein Tumor oder eine degenerative Nerven- oder Hirnerkrankung ursächlich ist. Vor allem Menschen ab dem 60. Lebensjahr sollten mit Beschwerden des Geruchssinns zum Arzt gehen.

Das Riechvermögen nimmt im Verlauf des Alters signifikant ab und kann langfristig eine Anosmie herbeiführen – bei rechtzeitiger Diagnose kann diese jedoch gut behandelt werden. Deshalb sollten vor allem Risikogruppen wie beispielsweise starke Raucher und Menschen, die regelmäßig Alkohol trinken, einen eingeschränkten Geruchssinn untersuchen lassen. Da eine Anosmie von den Betroffenen häufig selbst nicht sofort wahrgenommen wird, empfehlen sich Selbsttests. Wird der Geruchs- oder Geschmackssinn als abgeschwächt wahrgenommen, bietet sich ein Arztbesuch an. Weitere Ansprechpartner sind der HNO-Arzt und je nach Ursache verschiedene Internisten.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung jeder Form der Anosmie muss stets ursachenbezogen erfolgen. Die Therapie gilt in vielen Fällen als aufwendig und schwierig, für einen vollständigen Heilungsprozess wird der Patient in der Regel viel Geduld aufbringen müssen. Bei den essentiellen Formen der Anosmie, also ohne klar erkennbare Ursache, ist häufig eine Selbstheilungstendenz zu beobachten. Sollten Entzündungen oder Polypen der Nasenschleimhäute oder der Nasennebenhöhlen ursächlich sein, so verschwindet die Anosmie meistens dann, sobald auch der entzündliche Prozess wieder abgeklungen ist.

Auch Medikamente können als Nebenwirkung schwere Riechstörungen verursachen, in diesen Fällen ist das Absetzen der Medikamente oder deren Austausch durch Ersatzpräparate erforderlich. Bei einer zentralen Anosmie ist ein Wiedererlangen der vollen Riechfähigkeit in den meisten Fällen durch die irreversible Nervenschädigung leider nicht möglich. Auch Grippeviren können zu einer starken, irreversiblen Schädigung der Riechzellen und damit zu einer therapieresistenten Anosmie führen.

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Aussicht & Prognose

Die Prognose einer Anosmie hängt von deren Ursache und Lokalisation ab. Sind Entzündungen der Nasenschleimhäute oder Sinusitis der Grund für die fehlende olfaktorische Wahrnehmung, stehen die Chancen der Betroffenen auf eine Rückkehr des Geruchssinns gut. So bessert sich die Geruchswahrnehmung in der Regel nach einer schweren Erkältung von allein. Chronische Schleimhautentzündungen oder Allergien können mit Medikamenten behandelt werden, die für Abschwellung sorgen. Ist die Anosmie auf Polypen zurückzuführen, hilft eine operative Entfernung, um den Geruchssinn wieder herzustellen.

Tritt die Anosmie als Nebenwirkung von Medikamenten wie Antibiotika auf, müssen diese lediglich abgesetzt werden. Wenn die Anosmie jedoch durch ein Schädel-Hirn-Trauma entstanden ist, ist die Prognose schlechter. Nur etwa jeder Fünfte erlangt seinen olfaktorischen Sinn wieder. Liegt eine zentrale Anosmie vor, etwa aufgrund von Demenz- oder Parkinsonerkrankungen, sollte das Augenmerk auf die Behandlung der schweren Grunderkrankung gerichtet werden.

Anosmatiker, die regelmäßig an einem Riechtraining teilnehmen, haben laut Studien eine gute Prognose auf eine vollständige oder zumindest teilweise Genesung der Riechstörung. Experten vermuten, dass durch das sechsmonatige Training Riechzellen nachwachsen.

In manchen Fällen ist die Anosmie angeboren oder deren Ursache nicht erkennbar. Eine Spontanheilung ist zwar selten, aber nicht grundsätzlich auszuschließen.

Vorbeugung

Sobald eine Anosmie diagnostiziert wurde, besteht für die Betroffenen die Gefahr, dass auch gefährliche Gerüche durch giftige Dämpfe, Feuer oder verdorbenes Essen nicht mehr wahrgenommen werden können. Es ist also hilfreich, das familiäre Umfeld über die Krankheit in Kenntnis zu setzen. Um der altersbedingten schleichenden Anosmie vorzubeugen, kann in Verdachtsfällen eine mindestens jährlich durchgeführte Überprüfung des Riechvermögens sinnvoll sein. Um einer genussmittelbedingten Anosmie vorzubeugen, sollte auf Alkohol und Nikotinkonsum verzichtet werden.

Das können Sie selbst tun

Der Verlust des Geruchssinns schränkt die Lebensqualität erheblich ein und kann in manchen Situationen sogar gefährlich sein. Häufig wird die Bedeutung des Geruchssinns für die Bewältigung des Alltags unterschätzt und nur die stimulierende sinnliche Wahrnehmung vermisst. Betroffene müssen sich aber klar machen, dass sie kontaminierte Lebensmittel nicht mehr wie früher identifizieren können. Bei der Aufbewahrung leicht verderblicher Lebensmittel ist deshalb große Vorsicht geboten. Im Zweifel sollten Nahrungsmittel lieber entsorgt werden, da eine Lebensmittelvergiftung sehr gefährlich werden kann.

Personen, die alleine leben oder sich regelmäßig alleine zuhause aufhalten, sollten außerdem bedenken, dass sie einen Wohnungsbrand nicht mehr olfaktorisch wahrnehmen können. Es ist deshalb wichtig, eine ausreichende Zahl an Rauchmeldern zu installieren und ihre Funktionstüchtigkeit regelmäßig zu überprüfen.

Betroffene sind im sozialem Umgang mit anderen häufig verunsichert, weil sie nicht mehr wahrnehmen können, ob sie an heißen Sommertagen nach Schweiß riechen, an schlechtem Atem leiden oder zuviel Parfüm bzw. After Shave aufgelegt haben. Hier sollten Betroffene sich am Arbeitsplatz oder in anderen Gruppen, in denen sie sich regelmäßig bewegen, eine Vertrauensperson suchen, die sie auf einen eventuellen Fauxpas hinweist.

Bücher über Geruchsstörung

Quellen

  • Arnold, W., Ganzer, U.: Checkliste Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde. Thieme, Stuttgart 2011
  • Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage. De Gruyter, Berlin 2015
  • Reia, M.: Facharztwissen HNO-Heilkunde. Springer, Heidelberg 2009

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