Agoraphobie

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 8. Dezember 2017
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Unter einer Agoraphobie versteht der Mediziner eine psychische Störung beziehungsweise Phobie. Der Betroffene fürchtet sich aus einer Alltagssituation (zum Beispiel in der S-Bahn oder beim Frisör) nicht flüchten zu können. Diese Angstsituation mündet dann meist in einer Panikattacke.

Inhaltsverzeichnis

Definition Agoraphobie

Angstzustände kennt jedes Lebewesen. In der Tierwelt und auch bei uns Menschen schützt uns dieses Gefühl, wenn eine bedrohliche Situation oder eine Gefahr naht. Angst ist normalerweise ein natürliches Warnsignal.

Betroffene, die unter einer Agoraphobie leiden, übertragen ihre Angstzustände in normale Lebenssituationen. Sie überschätzen jedoch die Gefahr einer Situation und haben daher Angst, sich an bestimmte Orte mit einer Menschenansammlung zu begeben. Letztlich kann dieses übersteigerte Angstgefühl dazu führen, dass sie die eigene Wohnung nicht mehr verlassen.

Ursachen

Vielfach löste eine schwere traumatische Erfahrung die Agoraphobie aus. Ursache können jedoch auch sehr stark belastende Lebensereignisse sein, die mehrere Wochen oder Monate anhalten.

Der Tod eines sehr nahestehenden Menschen, Konflikte in einer Partnerschaft, die Scheidung von dem Ehepartner, Mobbing auf der Arbeitsstelle, berufliche Überlastung oder eine Kündigung können auslösende Umstände zu einer Agoraphobie sein.

Dass jeder Mensch anders bei Stress oder in belastenden Lebenssituationen reagiert, ist teilweise genetisch bedingt, andererseits aber auch eine Folge der Verhaltensweisen, die in der Kindheit erlernt wurden. Jeder Mensch hat seine persönlichen Schwachstellen und reagiert anders bei seelischen Verletzungen, Verwundungen oder im Stress.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Agoraphobie treten Angstzustände auf, die sich bis hin zu Panikattacken ausweiten können. Die Betroffenen haben Angst vor großen Plätzen, vor unübersichtlichen Weiten oder auch vor einer Ansammlung von Menschen und vor Gedränge. Die Angst macht sich zuerst nur schleichend bemerkbar und beginnt mit einem starken Unwohlsein in der betreffenden Situation.

Erst mit der Zeit manifestieren sich die Ängste immer mehr, bis der oder die Betroffene sie direkt benennen kann. An diesem Punkt sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden. Wird die Agoraphobie nicht behandelt, kann sie zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität und der freien Beweglichkeit führen. Die Betroffenen versuchen sich selbst zu helfen und greifen dabei meist zu so genannten Vermeidungsstrategien.

Tritt die Angst vor allem auf großen Plätzen auf, so werden große Plätze vermieden oder nicht mehr überquert, sondern umständlich am Rande umrundet. In den meisten Fällen tritt dadurch jedoch keine Besserung, sondern vielmehr eine Verschlechterung der Situation ein. Die Umstände, die die Angst erzeugen, weiten sich aus, so dass immer neue zusätzlche Vermeidungsstrategien notwendig werden.

Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass Betroffene sogar Angst davor haben, überhaupt die Wohnung oder das Haus zu verlassen. Langfristig kann es möglich sein, dass sie nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Diagnose & Verlauf

Agoraphobiebetroffene fürchten sich aus einer Alltagssituation (zum Beispiel in der S-Bahn oder beim Frisör) nicht flüchten zu können. Diese Angstsituation mündet dann meist in einer Panikattacke.

Bei einer Agoraphobie zeigen sich psychische und physische Reaktionen bei dem Betroffenen. Viele Ängste bestimmen sein Denken, sein Gefühl und seine Verhaltensweisen. Dies äußert sich darin, dass er ständig fürchtet, ihm könne etwas Schlimmes passieren oder er könne alleine und hilflos oder gar in Lebensgefahr sein.

Komme ich hier lebendig wieder heraus? Was ist, wenn ich einen Herzinfarkt bekomme? Das kann ich alleine nicht schaffen! Ich halte es nicht mehr aus! Was ist, wenn ich keine Luft mehr bekomme oder ohnmächtig werde? - Ohnmachtsgefühle dieser Art führen zu einem hohen Blutdruck und die Muskulatur im Körper verspannt sich.

Dies führt zu körperlichen Reaktionen, die wiederum erneut Angst auslösen. Schweißausbrüche, ein trockener Mund, Zittern, starkes Herzklopfen oder ein schneller und unregelmäßiger Herzschlag, Atemnot, Übelkeit und Erbrechen, Harn- und Stuhldrang, Schwindel und Benommenheit sind einige mögliche physische Symptome bei einer Agoraphobie.

Weil sich der Betroffene vor diesen körperlichen Reaktionen fürchtet, beginnt er bestimmte Situationen oder Orte zu meiden. Er geht nicht mehr auf öffentliche Plätze, in Kaufhäuser, in Supermärkte, in Gasthäuser oder Hotels, in Kinos oder Theaterveranstaltungen. Er vermeidet es, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren oder Fernreisen mit dem Flugzeug oder der Bahn zu unternehmen.

Wer unter einer Agoraphobie leidet, erlebt seine Symptome anfangs phasenweise. Zunehmend wird er allerdings unsicherer und glaubt, dass er tatsächlich von einer schweren organischen Krankheit betroffen ist. Bleibt eine Agoraphobie unbehandelt, ist der weitere psychische Verlauf ungünstig.

Komplikationen

Die Agoraphobie kann das Leben stark einschränken. Bei einer schweren Ausprägung der Angststörung verlassen Betroffene zum Teil nicht mehr ihre Wohnung oder trauen sich nur noch in Begleitung von einer Vertrauensperson vor die Tür. Alltägliche Aufgaben werden dadurch oft zu unüberwindbaren Hindernissen. Berufliche und familiäre Komplikationen sind bei einer schweren Agoraphobie nahezu unvermeidlich.

Auch Freundschaften und andere soziale Kontakte leiden häufig unter der Agoraphobie. Diese Isolation begünstigt wiederum andere psychische Probleme, zum Beispiel Zwangsstörungen oder Depressionen. Eine depressive Episode kann auch trotz Behandlung auftreten oder durch die Behandlung erst ausgelöst werden – wenn der Betroffene erkennt, dass er (oft viele Jahre lang) sein Leben einer behandelbaren Störung unterworfen hat.

Agoraphobie kann mit oder ohne Panikattacken auftreten. Da die Panikattacken einem Herzinfarkt oder anderen medizinischen Komplikationen gleichen können, ist (vor allem zu Beginn der Angststörung) eine sorgfältige Abklärung notwendig. Darüber hinaus kommt die Angststörung oft gemeinsam mit Persönlichkeitsstörungen vor. Die dependente Persönlichkeitsstörung sowie die ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung sind dabei am häufigsten.

Des Weiteren kann zusätzlich zur Agoraphobie eine andere Angststörung auftreten. Spezifische Phobien, generalisierte Angststörung und soziale Phobie kommen dabei in Betracht. Ein schädlicher Gebrauch von Medikamenten oder Alkohol stellt möglicherweise eine Form der Selbstmedikation dar.

Ab wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Phobie wie die Agoraphobie kann potenziell zu jeder Zeit des Lebens entstehen. Meistens sind bereits längere Zeit latente Ängste vor Plätzen vorhanden gewesen, auf denen die Betroffenen sich schutzlos ausgeliefert fühlen. Sie meiden drängende Menschenmengen auf öffentlichen Plätzen oder gehen Reisen an unbekannte Orte aus dem Weg.

Oft tritt eine Agoraphobie als Folge von unverarbeiteten Traumata oder in Folge von Lebenskrisen auf. Es ist notwendig, mit solchen Beschwerden vertrauensvoll zum Hausarzt zu gehen, damit sich die Symptome nicht verschlimmern. Ein zunehmender sozialer Rückzug hat weitreichende Folgen. Diese können den Verlust des Arbeitsplatzes und der üblichen Handlungsfähigkeit bedeuten. Meist können sich die Betroffenen nicht alleine aus ihren Ängsten befreien. Oftmals ist bereits der Gang zum Hausarzt problematisch. Zu den Ängsten kann sich Scham gesellen.

Der Hausarzt überweist den Betroffenen in eine Expositions- bzw. Verhaltenstherapie oder eine andere psychotherapeutische Maßnahme. Er kann zudem angstlösende Medikamente verordnen, die dem Patienten ein Stück Normalität zurückgeben. Da es sich hier um eine Kombination von Angststörungen mit oder ohne Panikattacken handeln kann, sind gegebenenfalls weitere Maßnahmen notwendig. Die Angststörung kann bereits generalisiert sein, da sie oft schon lange vorliegt. Der Patient kann jedoch durch die Therapie erfahren, dass Angst mit der Zeit wieder verlernbar ist.

Behandlung

Hat der Psychotherapeut andere Erkrankungen wie zum Beispiel eine Psychose oder organische Krankheiten ausgeschlossen und eine Agoraphobie diagnostiziert, verdeutlicht er dem Betroffenen durch Beispiele aus seiner eigenen Anamnese den Zusammenhang zwischen seiner Angst und seinem Vemeidungsverhalten.

Sollte ein Suchtverhalten in Bezug auf Alkohol oder Medikamente beim Betroffenen entstanden sein, um Angstsituationen auszuhalten, muss auch dieses therapeutisch behandelt werden.

Zur therapeutischen Behandlung der Agoraphobie bieten sich praktisch zwei Wege an:

Bei der systematischen Desensibilisierung versucht der Therapeut dem Betroffenen schrittweise zu helfen. Zuerst werden bei einer Gesprächstherapie individuelle Bewältigungsstrategien erarbeitet. Dabei kann es hilfreich sein, ein Entspannungsverfahren zu erlernen, das nachfolgend bei den praktischen Konfrontationsübungen bzw. Desensibilisierungstherapie unterstützend praktiziert wird.

Zusätzlich könnte eine Imaginations-Therapie den Betroffenen individuell vorbereiten. Weiterhin könnten durch Hypnosetherapie starke Blockaden gelöst werden. Der konkreten Angstsituation sollte der Betroffene sich danach schrittweise gemeinsam mit seinem Therapeuten stellen, bis er gelernt hat, dass es unrealistisch ist, diese Angst zu haben oder dass er erfahren hat, wie er mit dieser Angst in dieser Situation positiv umgehen kann.

Die andere Möglichkeit zur Behandlung wird "Flooding" genannt. Dabei wagt es der Betroffene, sich freiwillig zuerst seiner schwierigsten Angstsituation zu stellen, während der Therapeut beobachtend im Hintergrund bleibt.

Aussicht & Prognose

Viele Patienten, die an einer mehr oder weniger ausgeprägten Agoraphobie leiden, machen sich zusätzlich zu ihren Angstsymptomen Sorgen darum, ob diese unangenehmen Attacken bleiben oder spontan beziehungsweise durch eine geeignete Therapie wieder verschwinden können. Im Allgemeinen hat die Agoraphobie eine günstige Prognose, die allerdings von zwei Faktoren besonders abhängt.

Zum einen ist der Erfolg einer Behandlung oft besser, wenn sich der Patient bei schwerern Fällen möglichst frühzeitig in Behandlung begibt. Durch einen raschen Therapiebeginn wird eine Chronifizierung des Krankheitsbildes oft im Vorfeld schon vermieden. Das bedeutet, dass sich unerwünschte Begleiterscheinungen und Komplikationen wie die Ausbildung einer starken Erwartungsangst vor dem nächsten Anfall von Panik oder ein starkes Vermeidungsverhalten in Bezug aus angstauslösende Situationen durch eine frühzeitige Therapie oft vermeiden lassen.

Zum anderen ist die Mitarbeit und Motivation des Patienten (die sogenannte Compliance) ebenfalls ein wichtiger Faktor für den Erfolg einer Therapie und damit die Prognose der Erkrankung. Wichtig ist es bei der Agoraphobie vor allem, sich Angstsituationen auszusetzen und zu lernen, dass diese Situationen harmlos sind. In leichten Fällen schafft es ein motivierter Patient durchaus auch allein, diese Expositionen erfolgreich durchzuführen. Bei hartnäckigen Fällen leitet der zuständige Therapeut an, der für den Behandlungserfolg jedoch auch auf das Mitmachen des Betroffenen angewiesen ist.

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Vorbeugung

Die erlernten Entspannungsverfahren und Verhaltensstrategien mit individuellen positiven Affirmationen helfen dem Betroffenen außerdem, akuten Angstzuständen einer Agoraphobie vorzubeugen.

Das können Sie selbst tun

Welche Selbsthilfemaßnahmen im Alltag angemessen sind, kann sehr unterschiedlich sein, da auch die Agoraphobie von Person zu Person variiert. Bei der Behandlung von Agoraphobie nimmt die Konfrontation eine wichtige Position ein. Betroffene können sich deshalb auch im Alltag immer wieder kleine Herausforderungen stellen, anstatt angstbesetzte Situationen zu vermeiden. Dabei ist anfangs oft die Begleitung oder Anleitung durch einen Psychotherapeuten sinnvoll. Die professionelle Unterstützung stellt sicher, dass die Angst nicht vermieden wird, sondern sie tatsächlich von allein nachlässt. Darüber hinaus kann die therapeutische Begleitung ein Gefühl von Sicherheit verleihen.

Insbesondere bei einer Verhaltenstherapie ist es wichtig, dass Patienten ihre „Hausaufgaben“ machen. Die aktive Mitgestaltung der eigenen Therapie ermöglicht es, die therapeutischen Sitzungen bestmöglich zu nutzen. Darüber hinaus können solche Hausaufgaben dazu beitragen, das in der Therapie Gelernte auch im Alltag umzusetzen.

Einigen Menschen, die unter Agoraphobie leiden, hilft es, wenn sie die Angst besser zu verstehen lernen. Geeignete Literatur lässt sich beispielsweise im Internet und in Büchern finden. Allerdings schwankt die Qualität solcher Publikationen stark. Dabei ist es von Vorteil, wenn Autoren einen wissenschaftlichen Hintergrund haben oder Therapeuten sind.

Agoraphobie kann mit anderen psychischen Störungen einhergehen. Diese sollten nicht unbehandelt bleiben, sondern in die Therapie ebenso einbezogen werden wie in die Alltagsgestaltung.

Bücher über Agoraphobie

Quellen

  • Kasper, S., Volz, H.: Psychiatrie und Psychotherapie compact. Thieme, Stuttgart 2014
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013
  • Schandry, R.: Biologische Psychologie. Beltz, Weinheim 2011

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