Abstammungswahn

Medizinische Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher (Facharzt für innere Medizin) am 27. März 2017
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Der Abstammungswahn ist eine Inhaltsform der Wahnsymptomatik. Die Patienten sind dabei der Überzeugung, von Adelsgruppen oder anderen Gruppen höheren Werts abzustammen. Am häufigsten tritt der Abstammungswahn im Rahmen der paranoiden Schizophrenie auf.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Abstammungswahn?

Der Wahn ist ein Symptom aus dem Bereich der psychiatrischen Erkrankungen. Wahnvorstellungen kennzeichnen zum Beispiel Krankheitsbilder wie die Schizophrenie, aber können auch mit der Manie, der Depression oder der Demenz in Zusammenhang stehen. Die Wahnsymptomatik kann dabei inhaltlich unterschiedlicher Art sein. Religiöser Wahn kommt beispielsweise relativ häufig vor.

Eine andere und wesentlich seltenere Inhaltsform der Wahnsymptomatik ist der sogenannte Abstammungswahn. Der Patient ist dabei davon überzeugt, mit einer historischen Persönlichkeit verwandt oder von anderweitig hoher Herkunft zu sein. Im 20. Jahrhundert scheint der Abstammungswahn unter den Wahnsymptomatiken rücklaufend zu sein. Jüngere Männer sind laut Untersuchungen von Scharfschetter und Steinebrunner häufiger von der Symptomatik betroffen.

Avenarius geht dagegen von einem vermehrten Erkrankungsrisiko für das weibliche Geschlecht aus. Der Abstammungswahn wird von vielen Wissenschaftlern als Unterform des Größenwahns beschrieben. Die Betroffenen verleugnen in diesem Zusammenhang ihre eigene Abstammung, um sich eine Abstammung größerer Bedeutung zuzuweisen.

Der Abstammungswahn kann sich auf aktuell lebendende Personen oder Personengruppen, auf bereits verblichene Herrschaftsgruppen oder andere Machtgruppen der Vergangenheit oder auf Berufsgruppen wie Priesterschaften und Hexenzirkel beziehen.

Ursachen

Innerhalb der Gruppe der Wahnsymptomatik bestehen wechselseitige Zusammenhänge mit oft ähnlichen Primärursachen. Mit dem Abstammungswahn werden vor allem Größenwahn und religiöser Wahn oft im selben Atemzug genannt. Wie auch der religiöse Wahn ist der Abstammungswahn vor allem als Symptom der paranoiden Schizophrenie verbreitet. Unterschiedliche Erklärungsansätze zur Ursache der Wahnsymptomatik existieren.

Avenarius erklärt den Abstammungswahn mit kulturgeschichtlichen Zusammenhängen und verweist darauf, dass die Abstammung seit jeher eine entscheidende Rolle für den Lebensstandard des Einzelnen gespielt habe. Pfeiffer ist dagegen der Meinung, dass die Identitätsproblematik des Schizophrenen im Abstammungswahn Ausdruck findet. Kontrollbedürfnisse kommen im Glauben an die Abstammung von unterschiedlichen Machtgruppen zur Befriedigung.

Auch Gefühle der Angst können im Abstammungswahn kompensiert werden, da die Zugehörigkeit zu einer festen und mächtigen Gruppe Geborgenheit und Schutz vermitteln kann. Wichtig ist außerdem, dass Patienten der Schizophrenie häufig sozial isoliert leben. Als Menschen erleben sie dennoch ein Zugehörigkeitsbedürfnis, das im Rahmen des Abstammungswahns befriedigt werden kann.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Der Abstammungswahn ist eine Inhaltsform der Wahnsymptomatik. Die Patienten sind dabei der Überzeugung, von Adelsgruppen oder anderen Gruppen höheren Werts abzustammen.

Häufig sind Patienten mit Abstammungswahn der festen und unerschütterlichen Überzeugung, nicht zu ihren Eltern zu gehören. Sie halten die Namen in ihren Papieren für falsch und gehen davon aus, sie seien ihren angeblichen Eltern nur untergeschoben worden. Viele der Betroffenen sind davon überzeugt, irgendwann in ihre wahrhaftige Position aufgenommen zu werden.

Sie gehen oft von einem bestimmten Ereignis oder einer Schwierigkeit aus, die sie um ihre wahre Identität und deren Standard gebracht hat. Wie der religiöse Wahn geht der Abstammungswahn in den meisten Fällen mit Ich-Syntonie einher. Die Betroffenen halten ihre wahre Abstammung für identitätsbestimmend und weigern sich, ihren Wahn als solchen anzuerkennen. Trotz etlicher Gegenbeweise halten die Betroffenen ihr wahnhaftes Verhalten für stimmig und richtig.

In den meisten Fällen bezieht sich der Wahn auf Adelsgruppen oder Herrschergruppen. In manchen Fällen können auch Prominente oder Arbeitergruppen wie Priester der Zugehörigkeitsgruppe entsprechen. Der Abstammungswahn ist von Symptomen des Größenwahns gekennzeichnet und wird daher häufig als Unterform dieser Wahnsymptomatik behandelt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Psychotherapeut oder Psychiater stellt die Diagnose einer Wahnsymptomatik mittels ICD-10. Der Abstammungswahn ist im Rahmen der Diagnostik von verwandten Wahnvorstellungen abzugrenzen. Darüber hinaus wird die Krankheit bestimmt, für die der Wahn symptomatisch ist.

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine paranoide Schizophrenie, die teils schon vor der Wahndiagnose diagnostiziert wurde. In einigen Fallberichten ist allerdings auch vom Abstammungswahn als Erstsymptom die Rede. Die Prognose der Wahnsymptomatik unterscheidet sich von Fall zu Fall. Da meist Ich-Syntonie für die wahnhaften Gedankeninhalte vorliegt, bestehen meist ungünstige Behandlungs- und Heilungsaussichten.

Behandlung & Therapie

Patienten mit Abstammungswahn halten ihre Wahnvorstellungen für einen natürlichen Teil ihrer Persönlichkeit. Die Abstammung von einer höheren Gruppe wird als identitätsbildend empfunden. Aus diesem Grund gestaltet sich die Behandlung schwierig. Würden sie ihren Wahn aufgeben, würden sie subjektiv empfunden einen Teil ihrer Persönlichkeit aufgeben. Da sich die Betroffenen kaum zur Einsicht ihrer Erkrankung bewegen lassen, versagen viele der konventionellen Psychotherapien.

Der erste Behandlungsschritt ist in der regulären Therapie nämlich die Einsicht und Akzeptanz der Erkrankung. Die Patienten werden meist vor allem konventionell medikamentös auf ihre Grunderkrankung behandelt. Die Gabe von Antipsychotika konnte sämtliche Symptome paranoider Schizophrenie in der Vergangenheit in vielen Fällen zumindest zeitweilig zum Rückgang bringen. Mit dem Rückgang der Einzelsymptome besserte sich auch die Wahnsymptomatik der Patienten.

Andererseits sind auch schwerere Fälle bekannt, in denen trotz medikamentöser Behandlung kein Rückgang der Symptomatik beobachtet werden konnte. Bei derart behandlungsresistenten Fällen steht häufig eine supportive Therapie im Fokus, die die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen soll. Maßnahmen wie Bewegung an der frischen Luft und andere Strukturierungsmaßnahmen des Alltags wurden im Einzelfall mit einer Besserung der ursächlichen Erkrankung und somit auch einer Besserung der Wahnsymptomatik in Zusammenhang gebracht.

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Vorbeugung

Dem Abstammungswahn lässt sich nur insoweit vorbeugen, wie Krankheiten wie der paranoiden Schizophrenie vorzubeugen ist. Da speziell für die Schizophrenie neben kulturellen und sozialen Faktoren auch genetische Faktoren eine Rolle zu spielen scheinen, ist eine vollumfängliche Vorbeugung kaum denkbar.

Bücher über Schizophrenie

Quellen

  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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