Abstammungswahn

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 1. August 2017
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Der Abstammungswahn ist eine Inhaltsform der Wahnsymptomatik. Die Patienten sind dabei der Überzeugung, von Adelsgruppen oder anderen Gruppen höheren Werts abzustammen. Am häufigsten tritt der Abstammungswahn im Rahmen der paranoiden Schizophrenie auf.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Abstammungswahn?

Der Wahn ist ein Symptom aus dem Bereich der psychiatrischen Erkrankungen. Wahnvorstellungen kennzeichnen zum Beispiel Krankheitsbilder wie die Schizophrenie, aber können auch mit der Manie, der Depression oder der Demenz in Zusammenhang stehen. Die Wahnsymptomatik kann dabei inhaltlich unterschiedlicher Art sein. Religiöser Wahn kommt beispielsweise relativ häufig vor.

Eine andere und wesentlich seltenere Inhaltsform der Wahnsymptomatik ist der sogenannte Abstammungswahn. Der Patient ist dabei davon überzeugt, mit einer historischen Persönlichkeit verwandt oder von anderweitig hoher Herkunft zu sein. Im 20. Jahrhundert scheint der Abstammungswahn unter den Wahnsymptomatiken rücklaufend zu sein. Jüngere Männer sind laut Untersuchungen von Scharfschetter und Steinebrunner häufiger von der Symptomatik betroffen.

Avenarius geht dagegen von einem vermehrten Erkrankungsrisiko für das weibliche Geschlecht aus. Der Abstammungswahn wird von vielen Wissenschaftlern als Unterform des Größenwahns beschrieben. Die Betroffenen verleugnen in diesem Zusammenhang ihre eigene Abstammung, um sich eine Abstammung größerer Bedeutung zuzuweisen.

Der Abstammungswahn kann sich auf aktuell lebendende Personen oder Personengruppen, auf bereits verblichene Herrschaftsgruppen oder andere Machtgruppen der Vergangenheit oder auf Berufsgruppen wie Priesterschaften und Hexenzirkel beziehen.

Ursachen

Innerhalb der Gruppe der Wahnsymptomatik bestehen wechselseitige Zusammenhänge mit oft ähnlichen Primärursachen. Mit dem Abstammungswahn werden vor allem Größenwahn und religiöser Wahn oft im selben Atemzug genannt. Wie auch der religiöse Wahn ist der Abstammungswahn vor allem als Symptom der paranoiden Schizophrenie verbreitet. Unterschiedliche Erklärungsansätze zur Ursache der Wahnsymptomatik existieren.

Avenarius erklärt den Abstammungswahn mit kulturgeschichtlichen Zusammenhängen und verweist darauf, dass die Abstammung seit jeher eine entscheidende Rolle für den Lebensstandard des Einzelnen gespielt habe. Pfeiffer ist dagegen der Meinung, dass die Identitätsproblematik des Schizophrenen im Abstammungswahn Ausdruck findet. Kontrollbedürfnisse kommen im Glauben an die Abstammung von unterschiedlichen Machtgruppen zur Befriedigung.

Auch Gefühle der Angst können im Abstammungswahn kompensiert werden, da die Zugehörigkeit zu einer festen und mächtigen Gruppe Geborgenheit und Schutz vermitteln kann. Wichtig ist außerdem, dass Patienten der Schizophrenie häufig sozial isoliert leben. Als Menschen erleben sie dennoch ein Zugehörigkeitsbedürfnis, das im Rahmen des Abstammungswahns befriedigt werden kann.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Der Abstammungswahn ist eine Inhaltsform der Wahnsymptomatik. Die Patienten sind dabei der Überzeugung, von Adelsgruppen oder anderen Gruppen höheren Werts abzustammen.

Häufig sind Patienten mit Abstammungswahn der festen und unerschütterlichen Überzeugung, nicht zu ihren Eltern zu gehören. Sie halten die Namen in ihren Papieren für falsch und gehen davon aus, sie seien ihren angeblichen Eltern nur untergeschoben worden. Viele der Betroffenen sind davon überzeugt, irgendwann in ihre wahrhaftige Position aufgenommen zu werden.

Sie gehen oft von einem bestimmten Ereignis oder einer Schwierigkeit aus, die sie um ihre wahre Identität und deren Standard gebracht hat. Wie der religiöse Wahn geht der Abstammungswahn in den meisten Fällen mit Ich-Syntonie einher. Die Betroffenen halten ihre wahre Abstammung für identitätsbestimmend und weigern sich, ihren Wahn als solchen anzuerkennen. Trotz etlicher Gegenbeweise halten die Betroffenen ihr wahnhaftes Verhalten für stimmig und richtig.

In den meisten Fällen bezieht sich der Wahn auf Adelsgruppen oder Herrschergruppen. In manchen Fällen können auch Prominente oder Arbeitergruppen wie Priester der Zugehörigkeitsgruppe entsprechen. Der Abstammungswahn ist von Symptomen des Größenwahns gekennzeichnet und wird daher häufig als Unterform dieser Wahnsymptomatik behandelt.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Der Psychotherapeut oder Psychiater stellt die Diagnose einer Wahnsymptomatik mittels ICD-10. Der Abstammungswahn ist im Rahmen der Diagnostik von verwandten Wahnvorstellungen abzugrenzen. Darüber hinaus wird die Krankheit bestimmt, für die der Wahn symptomatisch ist.

In den meisten Fällen handelt es sich dabei um eine paranoide Schizophrenie, die teils schon vor der Wahndiagnose diagnostiziert wurde. In einigen Fallberichten ist allerdings auch vom Abstammungswahn als Erstsymptom die Rede. Die Prognose der Wahnsymptomatik unterscheidet sich von Fall zu Fall. Da meist Ich-Syntonie für die wahnhaften Gedankeninhalte vorliegt, bestehen meist ungünstige Behandlungs- und Heilungsaussichten.

Komplikationen

Da es sich beim Abstammungswahn um ein rein psychologisches Problem handelt, treten vor allem psychische Nebenwirkungen und Komplikationen auf. In den meisten Fällen führt der Abstammungswahn automatisch zu einem Realitätsverlust. Der Patient kann sein eigenes Leben und die Handlungen nicht mehr richtig einschätzen.

Dies wirkt sich auch negativ auf Freunde und auf den Partner aus und kann die Beziehung zu diesen Menschen zerstören. Häufig wird der Abstammungswahn dadurch nur noch verstärkt. Durch den Abstammungswahn entsteht für den Patienten ein allgemein aggressives Verhalten gegenüber den Eltern. Oft treten neben dem Symptom auch Panikattacken oder Verfolgungswahn auf.

Der Alltag ist für den Betroffenen nicht mehr zu meistern. Oft kann auch die Arbeitsstelle nicht mehr aufgesucht werden. Durch den Abstammungswahn entwendet sich der Patient vollkommen der Realität und verliert den Anschluss zu jeglichen wichtigen Menschen. Die Behandlung wird durch einen Psychologen durchgeführt.

In den meisten Fällen werden Antidepressiva eingesetzt, um den Abstammungswahn einzudämmen. Ein Erfolg bei der Behandlung kann nicht garantiert werden, da dieser vor allem von der persönlichen Einstellung des Betroffenen abhängt. Bei einem stark ausgeprägten Abstammungswahn kann der Patient auch in eine geschlossene Klinik eingewiesen werden. Dies geschieht vor allem dann, wenn der Betroffene aggressiv wird.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Da Abstammungswahn zu den Wahnstörungen des schizophrenen Formenkreises gehört, tritt er meist nicht allein auf. Freunde und Verwandte eines betroffenen Menschen werden auch an anderen psychischen Auffälligkeiten bemerken, dass mit ihm etwas nicht stimmt. Je früher dann ein Arzttermin möglich ist, desto besser ist das für den Betroffenen. Dabei gilt jedoch zu unterscheiden, was echter Abstammungswahn und was nur Gedankenspielerei ist.

Ein Patient mit echtem Abstammungswahn spielt nicht nur mit dem Gedanken, von wichtigen Menschen abzustammen, er glaubt dieser Theorie wirklich und benennt vielleicht sogar eine Person, von der er abzustammen glaubt. Ist das der Fall, sollte ein Psychiater aufgesucht werden, sofern es natürlich keine Anhaltspunkte dafür gibt, dass die Vermutung wahr sein könnte. Ob Abstammungswahn vorliegt und mit welcher psychischen Grunderkrankung er zusammenhängt, das kann nur ein Arzt erkennen. Sollte der Betroffene an Nachforschungen interessiert sein, die ihn selbst in Gefahr bringen, da er dabei vermeintliche Verwandte stalkt oder sie bedroht, kann sogar ein stationärer Aufenthalt sinnvoll sein.

Behandlung & Therapie

Patienten mit Abstammungswahn halten ihre Wahnvorstellungen für einen natürlichen Teil ihrer Persönlichkeit. Die Abstammung von einer höheren Gruppe wird als identitätsbildend empfunden. Aus diesem Grund gestaltet sich die Behandlung schwierig. Würden sie ihren Wahn aufgeben, würden sie subjektiv empfunden einen Teil ihrer Persönlichkeit aufgeben. Da sich die Betroffenen kaum zur Einsicht ihrer Erkrankung bewegen lassen, versagen viele der konventionellen Psychotherapien.

Der erste Behandlungsschritt ist in der regulären Therapie nämlich die Einsicht und Akzeptanz der Erkrankung. Die Patienten werden meist vor allem konventionell medikamentös auf ihre Grunderkrankung behandelt. Die Gabe von Antipsychotika konnte sämtliche Symptome paranoider Schizophrenie in der Vergangenheit in vielen Fällen zumindest zeitweilig zum Rückgang bringen. Mit dem Rückgang der Einzelsymptome besserte sich auch die Wahnsymptomatik der Patienten.

Andererseits sind auch schwerere Fälle bekannt, in denen trotz medikamentöser Behandlung kein Rückgang der Symptomatik beobachtet werden konnte. Bei derart behandlungsresistenten Fällen steht häufig eine supportive Therapie im Fokus, die die Lebensqualität der Betroffenen erhöhen soll. Maßnahmen wie Bewegung an der frischen Luft und andere Strukturierungsmaßnahmen des Alltags wurden im Einzelfall mit einer Besserung der ursächlichen Erkrankung und somit auch einer Besserung der Wahnsymptomatik in Zusammenhang gebracht.

Aussicht & Prognose

Durch den Abstammungswahn kommt es in der Regel zu starken psychischen Beschwerden und Problemen. Der Patient kann dabei teils nicht mehr richtig eigenständig handeln. Oft werden soziale Kontakte abgebrochen und stark eingeschränkt.

Der Abstammungswahn kann sich ebenfalls in einer aggressiven Grundhaltung gegenüber anderen Menschen manifestieren. Es kommt zu Wahnvorstellungen und damit zu depressiven Verstimmungen des Patienten. Nicht selten wirken sich die psychischen Beschwerden auch negativ auf den allgemeinen gesundheitlichen Zustand des Patienten aus, sodass es zu Schlafmangel oder zu einer Unterernährung kommen kann. Damit wird der Körper geschwächt und der Patient wird anfällig für verschiedene Infektionskrankheiten und Entzündungen. Die Lebensqualität nimmt durch den Abstammungswahn stark ab.

In den meisten Fällen erweist sich die Behandlung des Abstammungswahns als schwierig und dauert aus diesem Grund relativ lange ab. Viele Patienten erkennen die Krankheit dabei nicht direkt an, was zu einer verspäteten Diagnose führt. Oft werden daher auch Medikamente bei der Behandlung eingesetzt. In schwerwiegenden Fällen muss der Patient in eine Klinik eingewiesen werden. Auch nach der Behandlung kann der Abstammungswahn nochmals auftreten und dabei zu den selben Beschwerden führen.

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Vorbeugung

Dem Abstammungswahn lässt sich nur insoweit vorbeugen, wie Krankheiten wie der paranoiden Schizophrenie vorzubeugen ist. Da speziell für die Schizophrenie neben kulturellen und sozialen Faktoren auch genetische Faktoren eine Rolle zu spielen scheinen, ist eine vollumfängliche Vorbeugung kaum denkbar.

Das können Sie selbst tun

Eine Herausforderung für die Selbsthilfe besteht darin, dass der Betroffene den Abstammungswahn nicht als Wahn betrachtet, sondern ihn für die Wirklichkeit hält. Patienten können jedoch grundsätzlich eine Krankheitseinsicht entwickeln, die auch den Weg im Alltag ebnet.

In diesem Fall ist es sinnvoll, mithilfe eines Psychotherapeuten oder Psychiaters individuelle Warnzeichen zu identifizieren. Entdeckt der Patient im Alltag ein solches Warnzeichen, sollte er genau überprüfen, ob es sich z. B. bei einem Gedanken um eine realistische Vorstellung handelt, oder ob wahrscheinlich der Wahn dahinter steckt.

Der Abstammungswahn manifestiert sich für gewöhnlich nicht isoliert, sondern zeigt meist als Symptom der paranoiden Schizophrenie. Aus diesem Grund können sich Betroffene auch über die allgemeinen Selbsthilfemöglichkeiten informieren, die bei Schizophrenie in Betracht kommen. Da Stress die Symptomatik verstärken oder schwerere Episoden auslösen kann, ist in besseren Phasen der Krankheit auch allgemeine Stressprävention eine Option.

Schizophrene mit Abstammungswahn verleugnen zum Teil ihre tatsächliche Familie. Für Angehörige kann diese Situation sehr belastend sein. Sie sollten diese Belastung jedoch nicht auf den Patienten umleiten, sondern selbst angemessene Coping-Strategien entwickeln. Selbsthilfegruppen für Angehörige können die Belastung in vielen Fällen lindern. Wenn Familienmitglieder unter der schwierigen Situation (und ggf. aus anderen Gründen) sehr leiden, sollten sie zudem eine eigene Psychotherapie in Erwägung ziehen.

Bücher über Schizophrenie

Quellen

  • Gleixner, C., Müller, M., Wirth, S.: Neurologie und Psychiatrie. Für Studium und Praxis 2015/16. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2015
  • Möller, H.-J., Laux, G., Deister, A.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2015
  • Payk, T., Brüne, M.: Checkliste Psychiatrie und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2013

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