Abhärtung

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 12. November 2016
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Kalt ist es draußen im Winter bei minus 10 Grad Frost. Aber schon in wenigen Tagen kann es Tauwetter geben. Dann ist es feucht und diesig - ein geeignetes Wetter, sich zu erkälten. Abgehärtet müsste man sein, doch wer ist dies schon wirklich? Das Thema Abhärtung wird schnell verdrängt. Schließlich genügt es ja auch, wenn wir wieder einmal festgestellt haben, dass uns vor lauter Verantwortungsgefühl unserer Arbeit, unserer Firma gegenüber keine Zeit zum Abhärten bleibt.

Inhaltsverzeichnis

Was bedeutet Abhärtung?

Welch ein Unsinn, denn auf diese Weise wird die sogenannte Abhärtung gedanklich vom Arbeitsleben getrennt und ausschließlich in die Freizeit verlegt, damit aber das Leben des Menschen zwei- oder sogar dreigeteilt: in ein Arbeits-, Erholungs- und vielleicht noch Schlafleben.

Auch verleitet diese Einstellung zu dem Glauben, nur die absolute Dreiteilung des Tages, 8 Stunden Arbeit, 8 Stunden "Leben" (wofür man arbeitet) und 8 Stunden Schlaf, erlaube es uns, richtig zu leben (ungeachtet dessen, was wir in den 8 Stunden Freizeit treiben). In dieser Begründung liegen gleichzeitig die Fragen verborgen, die wir im folgenden beantworten möchten. Dabei wollen wir zusammen mit Wesen, Methoden und Grenzen der "Abhärtung" auch die Fähigkeit des Menschen erläutern, mit den wechselnden Bedingungen seiner Umwelt seine Bereitschaft zu erhöhen, ein kulturvolles Leben bei gleichzeitig weitgehend gesicherter Gesundheit zu führen.

So vereinfacht es ausgedrückt sein mag, aber es ist eine Tatsache, dass sich unser Organismus aus einer Vielzahl chemischer Verbindungen zusammensetzt. Biologisch gesehen ist Leben also Stoffwechsel, Zufuhr und Abbau chemischer Stoffe, so dass es dazu außer den Gesetzmäßigkeiten der Stoffe selbst und ihrer Verbindungen keiner besonderen Lebenskraft (es sei denn, man glaubt an eine Seele) bedarf. Rein wissenschaftlich sind jedoch nicht nur alle organischen, auch alle geistigen und seelischen Vorgänge Leistungen des Stoffwechsels - letztere besonders der Stoffwechselabläufe im Zentralnervensystem. Diese wieder steuern alle anderen Körperfunktionen - zum Beispiel Atmung, Kreislauf, Verdauung und Ausscheidung - so, dass sich der Mensch den Umweltbedingungen entsprechend verhält.

Ist das Wetter kalt und nass neigen viele Menshcen dazu sich eine Erkältung einzufangen. Oft hört man dann, wie gut es wäre, abgehärtet zu sein.

Um die Frage, wie wir diese Stoffwechselvorgänge "trainieren" können, zu beantworten, muss zunächst die Entstehung unseres Organismus kurz gestreift werden. Die Biologie hat nachgewiesen, dass das Leben auf der Erde - das Zusammenwirken chemischer Verbindungen im Stoffwechsel eines Organismus - aus nicht mit dem Leben verbundenen, sogenannten anorganisch-chemischen Verbindungen entstanden ist. Sie wies weiter nach, dass eine Entwicklungsstufe der Pflanzen- oder Tierarten aus der anderen hervorging. Welches waren aber die Gründe für die Erhaltung des Lebens in den verschiedenen Entwicklungsstufen?

Das Vorhandensein (oder die Schaffung) von Bedingungen, die die Verarbeitung aufnahmefähiger chemischer Verbindungen als Nahrung oder Atmung zuließen. Fragen wir uns zuletzt nach den Ursachen für die Herausbildung der Tierart bis zum Menschen, dann lautet die Antwort: Die veränderten Bedingungen in einer bestimmten Gegend der Erde haben das Weiterbestehen der gleichen Stoffwechsel-Verhältnisse - der betreffenden Tierart also - unmöglich gemacht. Ein Teil von ihr starb aus, in dem anderen Teil der betreffenden Tierart gestaltete sich der Stoffwechsel und damit die chemische Zusammensetzung um. Auf diese Weise entstand die Funktionsweise einer neuen, den veränderten Bedingungen der Umweit angepasste Art des Lebens, die sich durch Fortpflanzung vermehrte.

In diesem jahrtausendelangen Prozess entwickelte sich in der lebenden Materie zunächst die zweckmäßige Zellform, ihre Teilung als Vermehrungs- und Wachstumsprinzip, dann die Arbeitsteilung der einzelnen Zellen des Organismus und schließlich deren Vermehrung zu Organen und Organsystemen: Eines dieser Organsysteme ist das Zentralnervensystem, das Gehirn und seine Nervenverbindungen, die in alle Bereiche des Körpers gelangen und - wie bereits gesagt - die Funktionsweisen aller Organe so steuern, dass sie sich den Umweltbedingungen entsprechend verhalten.

Dieses Nervensystem ist es, das die Veränderungen der Umwelt mit Hilfe seiner Sinneszellen "registriert" und wie ein kybernetisches, selbstregulierendes System mit der Erhöhung des eigenen Stoffwechsels die Leistungen der anderen Organe steigert oder abschwächt. Ganz einfach ausgedrückt kann man also sagen, dass wir dann gesund sind, wenn die Zufuhr von chemischen Verbindungen durch Nahrung und Atmung in Zusammensetzung und Menge den Bedürfnissen unseres Organismus entspricht, wenn wir unseren Organismus ständig so trainieren, dass er auf wechselnde und erhöhte Leistungen des Stoffwechsels in allen Organen und Organsystemen vorbereitet ist, die die Umweltbedingungen ihm abverlangen.

Wie funktioniert Abhärtung?

Wir glauben, dass wir jetzt in unserer Gedankenkette dort angelangt sind, wo wir mit relativ einfachen Worten das Wesen der "Abhärtung" erläutern können. Der Gesamtprozess der Stoffwechselleistungen aller Organe vermag unter gewohnten Bedingungen die gesunde Existenz eines ganzen Organismus zu sichern. Die Umweltbedingungen aber, zum Beispiel das Wetter und anderes, ändern sich. Also muss der Organismus auf wechselnde und erhöhte Leistungen des Stoffwechsels in allen Organen und Organsystemen vorbereitet sein. Die Veränderung der Umweltbedingungen, so stellte die Biologie fest, ist, wo sie in Formen verlief, die die Umstellung des Stoffwechsels zuließen, der Antrieb zur ständigen Neuentwicklung von Lebewesen bis zum Menschen gewesen.

Auf unseren Körper übertragen bedeutet das: Im Wechsel der Reize (oder sogar der Bedingungen), die wir unserem Organismus angedeihen lassen, liegen die Ursachen für seine Vorbereitung zu erhöhten Stoffwechselleistungen wechselnden Umweltreizen gegenüber - kurz gesagt, der Steigerung jener Leistungen des Stoffwechsels, die das Entstehen von Kranhkeiten verhindern, also der "Abhärtung".

Hierfür das folgende Beispiel: Bekanntlich wird unsere Haut bei Kälte zunächst blass. Diese Erscheinung ist darauf zurückzuführen, dass der Kältereiz eine Erregung derjenigen Gefäßnerven bedingt, die die Haargefäße (Kapillaren) der Haut verengen, damit dem Organismus die vorhandene Körperwärme erhalten bleibt. Kommen wir aber ins warme Zimmer, dann rötet sich die Haut; der Wärmereiz erweitert die Kapillarnerven, die Haut wird stärker durchblutet und die gestaute Wärme verstärkt nach außen abgegeben. Diese Wärmeregulation können wir trainieren, wenn wir, möglichst täglich, zumindest Gesicht, Arme und Beine kalt duschen und anschließend abfrottieren.

Da das Nervensystem, das auf jeden Reiz bedingte Reaktionen bilden kann, an diesem Vorgang mitbeteiligt ist, wird die notwendige Wärmeregulation bereits eingeleitet, wenn wir uns auf den Gang ins Kalte vorbereiten — unser Körper erscheint abgehärtet. Dem Wesen der sogenannten Abhärtung liegt also ein komplizierter Mechanismus der Nerventätigkeit zugrunde. Wir wissen bereits, dass Sehen, Hören, Fühlen und alle anderen Empfindungen auf Stoffwechselprozessen Im Gehirn beruhen. Sicher ist auch verständlich, dass der Stoffwechselprozess, der von einem spezifischen Reiz (zum Beispiel Hör-, Seh- oder Geruchsreiz) ausgelöst wird, wiederum den Stoffwechsel in dem dazugehörigen Funktionszentrum der Hirnrinde anregt.

Bedingt durch die Verbindung der Hirnzentren untereinander, verstärkt aber jeder spezifische Reiz gleichzeitig auch allgemein (unspezifisch) den Stoffwechsel im Stammhirn. Da von hier die Atmung, der Kreislauf, die Verdauungsfunktion sowie die Ausschüttung der Hormone aus den Drüsen mit innerer Sekretion gesteuert werden, also jene Funktionen, die das Zusammenspiel der einzelnen Organe für die Erhaltung der Einheit im Gesamtstoffwechsel des Organismus ausmachen, hat jeder aus der Außenwelt im Nervensystem angeregte Stoffwechselvorgang eine spezifische Empfindung (Hör-, Seh-, Geruchs- oder Kälteempfindung) und eine Fülle unspezifischer Stoffwechselleistungen zur Folge.

Daraus ergibt sich, dass der Umfang des Stoffwechsels und damit die Qualität der Leistungen im Gehirn von der Fülle der Reize aus dem äußeren und inneren Milieu des Organismus und nicht von einer "Abschaltung" abhängig ist. Mit jeder Stoffwechselleistung, das ist bekannt, ist die Neubildung von Stoffen verbunden. Bestimmte - Stoffe lösen immer einen bestimmten chemischen Prozess aus. Das heisst aber im übertragenen Sinne nichts anderes, als dass durch die Entstehung einer bestimmten Stoffverbindung in der Zelle deren weitere Lebenstätigkeit in eine bestimmte Richtung geführt wird.

Das Auftreten eines Stoffes in einer Zelle bedeutet also eine Information für einen spezifischen Funktionsablauf. Die Nervenzellen haben aber nicht nur - wie alle anderen Zellen - die Fähigkeit, Informationen zu verarbeiten, sie können sie auch speichern. Infolgedessen löst der Kältereiz und der mit ihm verbundene Stoffwechselimpuls, beispielsweise während des täglichen kalten Duschens, die bei jeder Kälteeinwirkung entstehenden Stoffwechselprozesse im Gehirn und die zweckentsprechende Wärmeregulation aus. Die bedingte reflektorische Verknüpfung zahlreicher Reize führt unter anderem dazu, dass bereits die morgendliche Wettervorhersage, in der von 10 Grad minus gesprochen wird, über den Hörreiz und dessen Verbindung mit den Hirnzentren, die für die Anpassung an den kommenden Kältereiz notwendigen Stoffwechselprozesse in der Hirnrinde und allen anderen Organen vorbereitet.

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Praktische Umsetzung

Dazu gehört auch unsere Vorsorge, die wir gegen die Kälte treffen, indem wir uns wärmer anziehen. Nicht nur Kälte und Wärme - auch zahlreiche Bakterien und Viren verlangen täglich eine hohe Anpassungsleistung unseres Stoffwechsels. Wir können uns aber auf sie alle zweckmäßig vorbereiten. Abgesehen von der Impfung gegen bestimmte Infektionskrankheiten, bedeutet die tägliche Berührung mit zahlreichen spezifisch wirkenden Reizen gleichzeitig - wie wir jetzt wissen - eine Steigerung unspezifischer Stoffwechsel- und damit auch der Anpassungsleistungen.

Wenn wir das Wort "Abhärtung" immer in Anführungsstriche gesetzt haben, so deshalb, weil von vielen Menschen mit diesem Begriff der Gedanke verbunden wird: "Je mehr, desto besser." Aber das ist falsch, denn die erhöhte Anpassung den Umweltreizen gegenüber resultiert weniger aus dem massiven Training (zum Beispiel stundenlang im kalten Wasser liegen oder stundenlang Spazierengehen), sondern aus der regelmäßigen Konfrontierung unseres Organismus mit vielen Reizen. Deshalb ist die richtige Abhärtung, die sinnvolle Vorbereitung der unspezifischen Anpassungsfunktionen gegen alle möglichen Krankheitsursachen kein Zeitproblem, sie ist vielmehr eine Frage der sinnvollen Betätigung während des ganzen Tages.

Sie beginnt bereits mit der richtigen Einstellung zur eigenen Arbeit, die uns morgens besser aus dem Bett hilft und uns das kurze morgendliche Kreislauftraining, wie Bewegungsübungen und Duschen, erleichtert. Sie hilft uns auch während der Arbeit - mag diese noch so einseitig sein - einen Reizwechsel zu finden, der eine Übermüdung unmöglich macht. Selbst das Lesen eines guten Buches am Abend, ein Theaterbesuch und vieles andere kann zu einem Element gesteigerter Anpassungsfähigkeit werden, weil alles das als geistige und seelische Empfindungen in verschiedenster Weise zu spezifischen und unspezifischen Stoffwechselleistungen in allen Regionen des Gehirns führt.

Der resignierende Seufzer, abgehärtet müsste man sein, hilft uns nicht ein Stückchen weiter. Da das Leben kein unabänderlicher Zustand ist, sondern ein Prozess, den wir täglich hervorrufen und für die nächsten Tage vorbereiten, müssen wir leben lernen. Doch das lernen wir nicht, wenn wir uns Spießern gleich in unsere Wohnung verkriechen, früh schlafen gehen und uns auf den Sonntag vertrösten. Nur wenn wir die Möglichkeiten unseres Seins voll ausschöpfen und dabei die Grenzen richtig abstecken, sorgen wir unter den Bedingungen unseres Lebens für eine ihnen entsprechende Anpassungsbereitschaft - unter anderem auch gegen das Krankwerden.

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