ATR-X-Syndrom

Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher am 9. November 2017
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Das ATR-X-Syndrom stellt eine sehr seltene angeborene Erkrankung dar, die nur bei männlichen Patienten auftritt. Charakteristisch für das ATR-X-Syndrom, dem genetische Mutationen zugrunde liegen, sind Entwicklungsverzögerungen und physische Fehlbildungen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das ATR-X-Syndrom?

Das ATR-X-Syndrom ist auch unter dem Begriff X-chromosomales Alpha-Thalassämie – Geistige Retardierung-Syndrom oder ATR, Nondeletion Type bekannt. Erstmals ist diese chromosomale Erkrankung im Jahre 1990 durch den britischen Mediziner Andrew O. M. Wilkie beschrieben worden. Weltweit ist dieses Syndrom bei weniger als 170 Patienten erfasst worden.

Nach der Klassifikation des ICD-10 gehört das ATR-X-Syndrom zur D56.0 Alpha-Thalassämie und somit zu den Krankheiten des Blutes und der blutbildenden Organe, sowie bestimmter Störungen mit Beteiligung des Immunsystems. Die meisten Fälle des ATR-X-Syndroms sind im Mittelmeerraum, vor allem auf der Arabischen Halbinsel und in Teilen Afrikas, zu finden.

Bemerkenswert ist, dass aufgrund der verformten roten Blutkörperchen sich das Malaria-Virus nicht daran andocken kann, weshalb es möglich wäre, dass die Erkrankung ursprünglich einem anderen Zweck diente.

Ursachen

Die Übertragung des ATR-X-Syndroms erfolgt im Erbgang. Da dieser X-chromosomal-rezessiv ist, kann das Syndrom nur bei männlichen Patienten auftreten. Weibliche Personen können nur als Überträgerinnen fungieren, wobei sich hier keinerlei körperliche oder geistige Ausprägungen finden. Das ATR-X-Syndrom ist auf eine genetische Mutation zurückzuführen.

Diese findet im ATRX-Gen auf dem Chromosom Xq21.1 statt. Durch die Mutation des Chromosoms werden Veränderungen des Methylierungsmusters der DNS in den heterochromosomalen Bereichen verursacht. Worauf jedoch das klinische Erscheinungsbild zurückgeht, ist bis heute noch nicht bekannt.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das ATR-X-Syndrom manifestiert sich bereits kurz nach der Geburt im Neugeborenenalter. Es geht mit schwerer Verzögerung der geistigen körperlichen Entwicklung einher. Äußerlich macht sich der chromosomale Defekt bei über 90 Prozent der Patienten an Dysmorphien im Gesichtsbereich und Anomalien der Genitalien bemerkbar.

Aber auch Skelettanomalien, Mikrozephalie, Kleinwüchsigkeit, Herzfehler und Nieren-, Harnwegsfehlbildungen können vermehrt auftreten. Auf den ersten Blick fällt das schlaffe Gesicht auf, in dem die Mundpartie mit der typischen vorgestülpten Unterlippe besonders stark ausgeprägt ist. Ein großer Augenabstand mit einer charakteristischen innenliegenden, sichelförmigen Augenfalte und ein abgeflachter Nasenrücken, der in eine kleine Stupsnase übergeht, komplettieren das morphologische Erscheinungsbild des ATR-X-Syndroms im Gesicht.

Die Genitalien zeichnen sich in 80 Prozentder beschriebenen Fälle einerseits durch fehlenden Hodenabstieg aus, können aber andererseits bis hin zu intersexuellen Genitalien ausgeprägt sein. Bei einem Drittel der Patienten mit diagnostiziertem ATR-X-Syndrom wurden zerebrale Krampfanfälle beschrieben. Das Sprachvermögen der Patienten ist stark eingeschränkt und es liegen mittelschwere bis tiefgreifende Lernschwierigkeiten vor.

Obwohl persönliche Bindungen zu den Betreuern bestehen, ist ein autistoides Verhalten unter den Betroffenen keine Seltenheit. Am Blutbild ist bei manchen Patienten eine Alpha-Thalassämie – eine Erkrankung der roten Blutkörperchen, bei der ein Überschuss an Gamma und Beta-Globinen zu verzeichnen ist – abzulesen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das ATR-X-Syndrom ist auf eine genetische Mutation zurückzuführen.

Die gesicherte Diagnose des ATR-X-Syndroms erfolgt durch den Nachweis der Alpha-Thalassämie. Dafür wird das venöse Blut mittels Lichtmikroskop untersucht, um rote Blutkörperchen mit HbH-Einschlüssen nachzuweisen. Dabei ist zu beachten, dass in sehr vielen Fällen die Mengen an HbH zu niedrig für einen gesicherten Nachweis sind und die Hämatologie trotz ausgeprägtem Phänotyp und einer prävalenten Familienanamnese überraschend normal ausfallen kann.

Zusätzlich weist der Arzt die pathogene Genmutation nach und analysiert das ATRX-Protein, um die Erkrankung zu belegen. Unter den insgesamt 168 beschriebenen Patienten fanden sich 25 Todesfälle, von denen 19 im Alter von unter fünf Jahren waren. Da leider keine Langzeitstudien vorliegen, kann keine langfristige Prognose für den Krankheitsverlauf gemacht werden.

Heute sind die Patienten in Ihren 30ern und 40ern und befinden sich in einem guten, stabilen Gesundheitszustand. Ungefähr zehn Prozent der Patienten, die das ATR-X-Syndrom nachweislich haben, leben bis zu 40 Jahre lang vollkommen symptomfrei.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das ATR-X-Syndrom ist angeboren und wird daher in der Regel schon nach der Geburt oder bei Untersuchungen durch einen Kinderarzt erkannt. Eine kausale Behandlung des ATR-X-Syndroms ist nicht möglich. Allerdings sollten die Eltern regelmäßige Untersuchungen durchführen und die einzelnen Symptome behandeln lassen, damit es im Erwachsenenalter nicht zu Komplikationen und Folgeschäden kommt.

In der Regel leiden die Betroffenen an einer stark verzögerten Entwicklung. Dabei ist vor allem die geistige Entwicklung verzögert. Sollte den Eltern daher auffallen, dass das Lernen und Handeln dem Kind schwer fällt, so muss eine Untersuchung beim Arzt durchgeführt werden. Ebenso stellt der Kleinwuchs ein Symptom des ATR-X-Syndroms dar und muss ebenso untersucht werden. Nicht selten ist das Sprachvermögen eingeschränkt und es kommt zu Sprachfehlern.

Um Mobbing oder Hänseleien in der Schule zu vermeiden, sollte eine Behandlung dieser Beschwerden bei einem Arzt erfolgen. Da die Patienten mit dem ATR-X-Syndrom unter Lernschwierigkeiten leiden, müssen diese Kinder eventuell spezielle Einrichtungen besuchen, um richtig gefördert zu werden. Weiterhin können verschiedene Therapien den Alltag der Betroffenen erleichtern und sollten in jedem Fall durchgeführt werden.

Komplikationen

Das ATR-X-Syndrom oder X-chromosomale Alpha-Thalassämie-Geistige Retardierung-Syndrom betrifft in den meisten Fällen Männer. Frauen mit dieser veränderten Genetik bleiben in der Regel beschwerdefrei. Wie viele weitere erbliche Erkrankungen auch, manifestiert sie sich bereits im Kindesalter.

Die Folge davon sind allgemeine Entwicklungsverzögerungen, faziale Dysmorphien, also typische Kieferfehlbildungen, Genitalverformungen und Alpha-Thalassämie, eine spezielle Form der Erkrankung des Blutes. Die Aussichten ein uneingeschränktes Leben führen zu können, sind sehr gering. In seltenen Fällen bleiben die Betroffenen allerdings auch bis zu einem Alter von 40 Jahren ohne Symptome.

In vielen Fällen jedoch erzielen die oftmals kleinen Patienten nur ein sehr geringes Sprachvermögen, neigen zu starken zerebralen Krämpfen und weisen im Allgemeinen autistische Züge auf. Kleinere Kinder leiden häufig unter gastro-ösophagealen Reflux, das heißt, der Mageninhalt fließt nach der Nahrungsaufnahme sofort wieder zurück in die Speiseröhre.

Da eine solche Komplikation den Tod zur Folge haben kann, ist eine sorgsame und engmaschige Betreuung notwendig. Bedauerlicherweise gibt es keine mit der Erkrankung im Kausalzusammenhang stehenden Therapiemaßnahmen. Nur die begleitenden Symptome können ein wenig gelindert werden, um die Lebensqualität leicht anzuheben.

Behandlung & Therapie

Die Behandlung des ATR-X-Syndroms erfolgt multidisziplinär und beginnt bereits im Neugeborenenalter. Aufgrund eines häufigen gastro-ösophagealen Refluxes, der auch zum Tode führen kann, müssen Säuglinge engmaschig überwacht werden. Infantile Hypotonie tritt bei den Betroffenen häufig auf und ist zumeist mit Saugschwierigkeiten verknüpft.

Ernährungssonden sorgen in diesen Fällen für eine adäquate Versorgung mit den notwendigen Nährstoffen. Auch die Schluckbeschwerden, die mit einer Weigerung den Speichel zu schlucken und damit einem starken Speichelfluss einhergehen, machen Eltern von erkrankten Kindern oft zu schaffen.

Neben anticholinergischen Medikamenten, die jedoch zu Verstopfungen führen können, kommen hier auch Injektionen von Botulinumtoxin und chirurgische Beseitigungen der Speicheldrüsen zum Einsatz. Mit dem Alter nimmt die Häufigkeit der Krampfanfälle signifikant zu. Die ständige Evaluierung der Entwicklungskompetenzen stellt sicher, dass kindgerechte Förderung, frühzeitige Therapie und spezielle Ausbildung die vorhandenen Fähigkeiten optimieren. In manchen Fällen werden schwere Verhaltensstörungen auch medikamentös behandelt.

Aussicht & Prognose

Vom ATR-X-Syndrom sind ausschließlich männliche Patienten betroffen, bei Frauen kommt das Syndrom nicht vor. Es kommt dabei zu starken Fehlbildungen am gesamten Körper und zu Verzögerungen in der Entwicklung des Patienten. Dabei sind vor allem die geistige und motorische Entwicklung des Patienten betroffen, sodass der Betroffene auf die Hilfe von außenstehenden Personen angewiesen ist, um den Alltag zu meistern. In der Regel verschwinden die Entwicklungsstörungen auch im Alter nicht.

Ebenso tritt eine Keinwüchsigkeit auf und es kommt zu Komplikationen am Herzen und an den Nieren. Durch diese Beschwerden wird die Lebenserwartung durch das ATR-X-Syndrom verringert. Die Konzentrationsfähigkeit ist gleichfalls verringert und es kommt häufig zu Sprachstörungen und anderen Beschwerden. Nicht selten leiden die Patienten an Krämpfen und Lähmungen. Die Lebensqualität wird durch das ATR-X-Syndrom extrem verringert. Teils beträgt die Lebenserwartung durch das Syndrom nur 40 Jahre.

Eine kausale Behandlung ist nicht möglich, weswegen vor allem die Symptome reduziert werden. Dies erfolgt mit Hilfe von Medikamente oder operativen Eingriffen, wobei allerdings nicht alle Beschwerden gelindert werden können. Es sind verschiedene Therapien notwendig, um die Entwicklung des Kindes zu beschleunigen.

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Vorbeugung

Da es sich bei dem ATR-X-Syndrom um eine chromosomale Veränderung handelt, kann diesem genetischen Defekt kaum effektiv vorgebeugt werden. Allerdings ist es möglich, sich als Frau vor Eintritt einer Schwangerschaft nach einem Nachweis einer fehlenden Genmutation am ATRX-Gen zu bemühen.

Dadurch ist es möglich, die Wahrscheinlichkeit einer derartigen Erkrankung beim männlichen Embryo auszuschließen. Bei dieser X-Chromosom-Inaktivierungsstudie wird der Trägerstatus bestimmt. In Kombination mit einer ausführlichen Familienanamnese und einer suggestiven klinischen Anamnese gelangt man zu gesicherten Ergebnissen.

Bücher über Anämie (Blutarmut), Eisenmangelanämie

Quellen

  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik. Thieme, Stuttgart 2011
  • Pschyrembel: Klinisches Wörterbuch. 266. Auflage, de Gruyter, Berlin 2014
  • Witkowski R., Prokop O., Ullrich E.: Lexikon der Syndrome und Fehlbildungen. Springer, Berlin 2003

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